Das Prüfverfahren zur BITV


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Über den BITV/WCAG-Test

Die rechtlichen Grundlagen: BITV und WCAG

Die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) verpflichtet Webangebote des Bundes und anderer öffentlicher Stellen (Gebietskörperschaften oder Einrichtungen des öffentlichen Rechts) zur Barrierefreiheit.

Die BITV 2.0 entsprach schon bisher weitgehend den technischen Anforderungen der Barrierefreiheit, die in den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.0) festgelegt sind. Diese Leitlinien sollen die universelle Zugänglichkeit von Webangeboten sicherstellen. Auch blinde, sehbehinderte, motorisch behinderte Benutzer sollen Zugang haben, der Zugang soll mit unterschiedlichen Browsern und anderen Geräten möglich sein, die Sprache der Webangebote soll angemessen einfach sein, kurz: Webangebote sollen für alle nutzbar sein.

Die Verabschiedung EU-Richtlinie 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen führte zur Novellierung des Bundesgleichstellungsgesetzes (BGG) und in der Folge auch zur Überarbeitung der BITV. Mit der für Mitte 2019 erwarteten neuen Version der BITV wird nun direkt auf die Anforderungen der DIN hEN 301 549 verwiesen werden, welche den aktuellen Stand der WCAG 2.1 widerspiegelt.

Die EU-Richtlinie 2016/2102 legt fest, dass öffentliche Webangebote ab 23 September 2018 barrierefrei sein müssen. Betroffen sind davon nicht nur die Webangebote des Bundes, sondern auch die der Länder und Kommunen. Auch andere Einrichtungen müssen nun barrierefrei sein, zum Beispiel Zweckverbände, Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern, Landschaftsverbände, Rechtsanwalts- und Ärztekammern, Berufsgenossenschaften und Innungen, Gesetzliche Krankenkassen und kassenärztliche Vereinigungen, Sparkassen, Hochschulen, Universitäten und Fachhochschulen, Sozialversicherungen, und Anbieter des öffentlichen Nahverkehrs.

Ab 23. September 2019 gelten die Anforderungen auch für Webangebote / Webanwendungen für geschlossene Nutzergruppen (Intranets und Extranets) der Organisationen im Geltungsbereich der EU-Richtlinie.

Ab 23 Juni 2021 müssen auch native (nicht webbasierte) mobile Anwendungen barrierefrei sein. Hierfür gelten die Anforderungen aus Kapitel 11 Software der europäischen Norm EN 301 549.

Der BITV/WCAG-Test

Das Instrument für die Prüfung der Barrierefreiheit von informationsorientierten Webangeboten ist der Anfang 2004 erstmals veröffentlichte BITV-Test. Entwickelt wurde der Test vom Projekt BIK in enger Abstimmung mit Behindertenverbänden, Webdienstleistern und Experten für Barrierefreiheit. Grundlage des Tests sind die jeweils geltenden Anforderungen und Bedingungen der BITV.

In der für Mitte 2019 erwarteten Neufassung der BITV, die sich dann direkt auf die Anforderungen der hEN 301 549 und damit auf die WCAG 2.1 beziehen wird, gibt es keinen Unterscheid mehr zwischen den technischen Anforderungen nach BITV und WCAG. Der überarbeitete BITV -Test heißt deshalb nun BITV/WCAG-Test. Die neue BITV wird aber für öffentliche Stellen des Bundes aller Voraussicht nach weiterhin zusätzlich Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache und Leichter Sprache verlangen.

Der BITV/WCAG-Test bezieht schon jetzt (März 2019) die 12 neuen Anforderungen der WCAG 2.1 mit ein, da diese in naher Zukunft durch die neue BITV gesetzlich verlangt sein werden und schon jetzt über die EU-Richtlinie verlangt sind.

Zu jedem Prüfschritt des BITV/WCAG-Tests gibt es ausführliche Erläuterungen, die sagen, was genau geprüft wird, warum das wichtig ist und wie in der Prüfung vorzugehen ist.

Das Testverfahren ist vollständig offengelegt. Bei veröffentlichten Tests sind auch sämtliche Einzelbewertungen zugänglich.

Das etablierte Punktbewertungsverfahren des BITV-Tests, nach dem Webauftritte, die mindestens 90 Punkte erreichen, als "gut zugänglich" und solche mit 95 oder mehr Punkten als "sehr gut zugänglich" bezeichnet wurden, ist nun im BITV/WCAG-Test nicht länger haltbar. Bislang hatte die BITV ihre Anforderungen in einer eigenen Anlage definiert, die solchen Spielraum zuließ. Nun wird sie direkt auf die Europäische Norm EN 301 549 und die auch dort in Abschnitt 9.5 reproduzierten Konformitätsbedingungen der WCAG verweisen. Diese Bedingungen legen fest, dass ein Angebot nur dann als konform zur angestrebten Konformitätsebene gelten kann, wenn alle Anforderungen auf dieser Ebene erfüllt sind. Bislang konnten Angebote, die deutliche (aber nicht gravierende) Mängel bezüglich einzelner Anforderungen aufwiesen, dennoch einen BITV-Test-Punktwert von 90 Punkten oder auch 95 Punkten erreichen. Im neuen BITV/WCAG-Test müssen alle Prüfschritte "erfüllt" oder "eher erfüllt" sein, damit ein Angebot Konformität erreicht. Die Bewertung "eher erfüllt" darf dabei nur für geringfügige Mängel vorgenommen werden.

Zuverlässigkeit des Tests

Das Ergebnis eines BITV/WCAG-Tests basiert auf Einschätzungen. Dies ist kein Mangel des Tests; die Barrierefreiheit von Webangeboten hängt nicht allein von der Einhaltung formaler Regeln ab, ein aussagekräftiger Test muss also diese Grundlage haben.

Allerdings muss die Zuverlässigkeit sichergestellt werden. Testergebnisse sollen wiederholbar sein, unterschiedliche Prüfer sollen zu gleichen Ergebnissen kommen, um die Vergleichbarkeit und Nachprüfbarkeit zu gewährleisten.

  • Prüfbedingungen und Verfahren: Dafür wird zunächst der Rahmen gesetzt, in dem der Prüfer seine Einschätzung trifft. Das betrifft die Qualifikation des Prüfers, Kenntnisse und Erfahrungen in der Anwendung des Prüfverfahrens sind Bedingung. Das betrifft auch die Prüfumgebung. Festgelegt ist, welches Betriebssystem, welche Browser, welche speziellen Prüfprogramme im Einzelnen einzusetzen sind. Auch wichtig: die klare Abgrenzung des Prüfgegenstands.
  • Abstimmung von Entscheidungen: Die Prüfer sind in Teams eingebunden, mit den Vorgaben der Prüfverfahren nicht klar zu entscheidende Fälle werden dort diskutiert. Diese Auseinandersetzung ist zugleich Grundlage der kontinuierlichen Fortentwicklung der Prüfverfahren.
  • Vergleichbarkeit von Bewertungen: Das Prüfwerkzeug erlaubt den Zugriff auf vorangegangene Bewertungen zu einzelnen Prüfschritten. Der Prüfer kann sich daran orientieren. Prüfer sollen Bewertungsspielräume in ähnlicher Weise nutzen, sie sollen Sachverhalte nicht "wohlwollend" oder "streng" einschätzen. Abschließende Prüfungen werden daher im Tandem von jeweils zwei Prüfern durchgeführt, die im ersten Schritt unabhängig voneinander bewerten und anschließend ihre Ergebnisse abstimmen.

Anwendung des Tests

Der BITV/WCAG-Test ist Basis für die Zulassung in die Liste Sites & Agenturen. Sie zeigt vorbildliche Websites und Dienstleister, die nachweislich barrierefreie Webangebote entwickeln können.

Webanbieter und Entwickler können sich an den Anforderungen des BITV-Tests orientieren. Ein entsprechendes Werkzeug für die entwicklungsbegleitende Bewertung eigener Webangebote steht seit Juli 2005 zur Verfügung: die BITV/WCAG-Selbstbewertung. Die Nutzung des Werkzeugs ist kostenlos. Es kann eingesetzt werden, wenn die Vergleichbarkeit von Bewertungen nicht im Vordergrund steht.