Das Prüfverfahren zur BITV


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Über den BITV/WCAG-Test

Die rechtlichen Grundlagen: BITV und WCAG

Öffentliche Stellen des Bundes werden durch das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (BGG) zu barrierefreien Websites und mobilen Anwendungen verpflichtet. Welche Anforderungen gelten, ist in der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) definiert. Die BITV basiert auf den Vorgaben der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) der Web Accessibility Initiative (WAI). Die BITV 2.0 in der neuesten Version vom 21. Mai 2019 verweist direkt auf die harmonisierte europäische Norm EN 301 549 (PDF, 2 MB), deren Abschnitt 9 (Web) die Erfolgskriterien der WCAG 2.1 (Konformitätslevel A & AA) einschließlich deren Konformitätsbedingungen (Abschnitt 9.5) wiedergibt.

Die WCAG sind die internationalen Leitlinien zur Sicherstellung einer universellen Zugänglichkeit von Webangeboten: Auch blinde, seheingeschränkte, motorisch oder kognitiv beeinträchtigte Nutzer sollen Zugang haben; der Zugang soll mit unterschiedlichen Browsern und Hilfsmitteln möglich sein; die Sprache der Webangebote soll angemessen einfach sein; kurz: Webangebote sollen für alle nutzbar sein. Aktuell gilt die WCAG 2.1.

Für öffentliche Stellen von Bundesländern und Gemeinden wird die Barrierefreiheit ihrer Websites und mobilen Anwendungen über Landesgesetze zu barrierefreier Informationstechnik geregelt, die entweder direkt auf die BITV 2.0 verweisen oder auf ähnliche, länderspezifische Verordnungen.

Zum Hintergrund: Im Dezember 2016 wurde die EU-Richtlinie 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht. Sie verpflichtet öffentliche Stellen von der Bundes- über die Landes- bis zur kommunalen Ebene zu barrierefreien Webangeboten. Das heißt, dass sich Verwaltungen und beispielsweise Gerichte, Polizeistellen, öffentliche Krankenhäuser, Universitäten oder Bibliotheken um die Barrierefreiheit ihrer Internetseiten und Apps kümmern müssen. Ausgenommen sind öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und in Teilen Schulen, Kindergärten und Krippen. Die Mitgliedsstaaten hatten bis September 2018 Zeit, die Richtlinie in nationales Recht umzusetzen, was über die genannten Bundes- und Landesgesetze erfolgt ist. Die EU-Richtlinie 2016/2102 legt Umsetzungsfristen fest, die zum Teil auch in die deutschen Rechtsetzungen eingeflossen sind:

  • Webauftritte, die nach September 2018 veröffentlicht wurden, müssen ab September 2019 zugänglich gestaltet sein; bereits bestehende Websites ab September 2020.
  • Neue Intranet-Angebote müssen barrierefrei entwickelt werden. Intranet-Angebote, die vor September 2019 vorher veröffentlicht wurden, gilt dies erst bei grundlegender Überarbeitung.
  • Mobile Anwendungen (Apps) müssen ab Juni 2021 barrierefrei sein.

Der BITV/WCAG-Test

Das Instrument für die Prüfung der Barrierefreiheit von informationsorientierten Webangeboten ist der Anfang 2004 erstmals veröffentlichte BITV-Test. Entwickelt wurde der Test vom Projekt BIK in enger Abstimmung mit Behindertenverbänden, Webdienstleistern und Experten für Barrierefreiheit. Grundlage des Tests sind die jeweils geltenden Anforderungen und Bedingungen der BITV.

Die aktuelle BITV 2.0 (Version 05/2019) bezieht sich direkt auf die Anforderungen der EN 301 549 und damit auf die WCAG 2.1. Daher gibt es im Moment keinen Unterscheid mehr zwischen den technischen Anforderungen nach BITV und WCAG. Der überarbeitete BITV -Test heißt deshalb nun BITV/WCAG-Test. Die BITV definiert jedoch für öffentliche Stellen des Bundes (und ggf. auch der Länder) noch weitere Anforderungen. Diese stellen wir in unserem Artikel Die BITV 2.0 – Was prüft der BITV-Test, was prüft er nicht? vor.

Der BITV/WCAG-Test besteht aktuell aus 60 Prüfschritten. Zu jedem Prüfschritt gibt es ausführliche Erläuterungen, die sagen, was genau geprüft wird, warum das wichtig ist und wie in der Prüfung vorzugehen ist. Das Testverfahren ist vollständig offengelegt. Bei veröffentlichten Tests sind auch sämtliche Einzelbewertungen zugänglich.

Das bis Frühjahr 2019 etablierte Punktbewertungsverfahren des BITV-Tests, nach dem Webauftritte, die mindestens 90 Punkte erreichen, als "gut zugänglich" und solche mit 95 oder mehr Punkten als "sehr gut zugänglich" bezeichnet wurden, ist im BITV/WCAG-Test nicht länger haltbar. Bislang hatte die BITV ihre Anforderungen in einer eigenen Anlage definiert, die einen solchen Spielraum zuließ. Nun verweist sie direkt auf die Europäische Norm EN 301 549, die in Abschnitt 9.5 auch die Konformitätsbedingungen der WCAG reproduziert. Diese Bedingungen legen fest, dass ein Angebot nur dann als konform zur angestrebten Konformitätsebene gelten kann, wenn alle Anforderungen auf dieser Ebene erfüllt sind. Bislang konnten Angebote, die deutliche (aber nicht gravierende) Mängel bezüglich einzelner Anforderungen aufwiesen, dennoch einen BITV-Test-Punktwert von 90 oder auch 95 Punkten erreichen. Im neuen BITV/WCAG-Test müssen alle Prüfschritte "erfüllt" oder "eher erfüllt" sein, damit ein Angebot Konformität erreicht. Die Bewertung "eher erfüllt" darf dabei nur für geringfügige Mängel vorgenommen werden.

Zuverlässigkeit des Tests

Das Ergebnis eines BITV/WCAG-Tests basiert auf Einschätzungen. Dies ist kein Mangel des Tests; die Barrierefreiheit von Webangeboten hängt nicht allein von der Einhaltung formaler Regeln ab, ein aussagekräftiger Test muss also diese Grundlage haben.

Allerdings muss die Zuverlässigkeit sichergestellt werden. Testergebnisse sollen wiederholbar sein, unterschiedliche Prüfer sollen zu gleichen Ergebnissen kommen, um die Vergleichbarkeit und Nachprüfbarkeit zu gewährleisten.

  • Prüfbedingungen und Verfahren: Dafür wird zunächst der Rahmen gesetzt, in dem der Prüfer seine Einschätzung trifft. Das betrifft die Qualifikation des Prüfers: Kenntnisse und Erfahrungen in der Anwendung des Prüfverfahrens sind Bedingung. Das betrifft auch die Prüfumgebung: Festgelegt ist, welches Betriebssystem, welche Browser, welche speziellen Prüfprogramme im Einzelnen einzusetzen sind. Auch wichtig: die klare Abgrenzung des Prüfgegenstands.
  • Abstimmung von Entscheidungen: Die Prüfer sind in Teams eingebunden. Mit den Vorgaben der Prüfverfahren nicht klar zu entscheidende Fälle werden dort diskutiert. Diese Auseinandersetzung ist zugleich Grundlage der kontinuierlichen Fortentwicklung der Prüfverfahren.
  • Vergleichbarkeit von Bewertungen: Das Prüfwerkzeug erlaubt den Zugriff auf vorangegangene Bewertungen zu einzelnen Prüfschritten. Der Prüfer kann sich daran orientieren. Prüfer sollen Bewertungsspielräume in ähnlicher Weise nutzen, sie sollen Sachverhalte nicht "wohlwollend" oder "streng" einschätzen. Abschließende Prüfungen werden daher im Tandem von jeweils zwei Prüfern durchgeführt, die im ersten Schritt unabhängig voneinander bewerten und anschließend ihre Ergebnisse abstimmen.

Anwendung des Tests

Der BITV/WCAG-Test ist Basis für die Zulassung in die Liste Sites & Agenturen. Sie zeigt vorbildliche Websites und Dienstleister, die nachweislich barrierefreie Webangebote entwickeln können.

Webanbieter und Entwickler können sich an den Anforderungen des BITV-Tests orientieren. Ein entsprechendes Werkzeug für die entwicklungsbegleitende Bewertung eigener Webangebote steht seit Juli 2005 zur Verfügung: die BITV/WCAG-Selbstbewertung. Die Nutzung des Werkzeugs ist kostenlos. Es kann eingesetzt werden, wenn die Vergleichbarkeit von Bewertungen nicht im Vordergrund steht.